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Theorie und Praxis

Ein Student verstand den Unterschied zwischen Theorie und Praxis nicht.

Herr Kah erzählte ihm folgende Begebenheit:

Ein Mann und eine Frau gingen nebeneinander auf dem Bürgersteig. Die Frau sagte: „Dann kann ich also für morgen Abend mit Dir planen?“ – Der Mann sagte: „Rein theoretisch schon.“

„Das“, sagte Herr Kah, „ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.“

Kopf und Welt

„Die Welt ist im Kopf“, sagte ein Denker Herrn Kah.

„Ja“, sagte Herr Kah, „aber der Kopf ist in der Welt.“

Fremdwille

Der Blick des Lehrers glitt die gläserne Zentrale hinauf: „Verantwortliche Pädagogik muss die Jugendlichen auf das vorbereiten, was die Wirtschaft will.“

„Sollte man die Jugendlichen nicht auf das vorbereiten, was sie selbst wollen?“, fragte Herr Kah.

„Sie müssen ja ihren Platz finden“, sagte der Lehrer.

„Aber wer ist das, der seinen Platz in einem fremden Willen hat?“, fragte Herr Kah.

Herr Kah hegte einmal den Wunsch, sich in einer Sache beraten zu lassen. Selbstverständlich benötigte er die Beratung nicht wirklich, denn Herr Kah gehörte, wie alle wissen, zu den wenigen Menschen, die es vorzogen, sich selbst zu beraten. Aber es war eben doch sein Wunsch, sich einmal in jener Sache beraten zu lassen.

Da auch seine Mitbürger wussten, dass Herr Kah ein störrischer und kluger Eigenberater war, wagten es in ganz Deutschland nur zwei Männer, Herrn Kah ihre Dienste überhaupt anzubieten. Man kann sich also vorstellen, wie die gesamte Republik gebannt verfolgte, welchen Berater Herr Kah wohl erwählen würde.

Allein, im Grunde schien die Wahl bereits getroffen. Denn der erste Mann hatte in der Sache, um die es Herrn Kah zu tun war, ein Studium vorzuweisen, eine brillante Doktorarbeit, praktische Zusatzqualifikationen und äußerst erlesene Referenzen. Der zweite Mann hatte gar nichts vorzuweisen. Da er aber so mutig gewesen war, sich für die Beratung zu bewerben, wollte Herr Kah auch ihn zumindest empfangen.

Es kam, wie es kommen musste: Nach den beiden Bewerbungsgesprächen wählte Herr Kah den Mann, der nichts vorzuweisen hatte, zu seinem Berater in jener Sache. Die Republik stand Kopf. Herr Kah sei ja als ewiger Querulant hinlänglich bekannt, so hörte man. Aber was seine Wahl für eine Wirkung besonders auf die fleißig lernenden Jugendlichen habe, das bedenke er natürlich nicht. Schließlich müsse sich Leistung lohnen, mithin die Titelhierarchie stabil bleiben. Und so weiter…

Die Kritik spitzte sich derart zu, dass Herr Kah sich genötigt sah, eine Pressekonferenz zu geben, um seine Wahl vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Herr Kah sagte: „Ich habe mich für Herrn Q. entschieden, weil er Geist hat.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, schallte es ihm entgegen. „Und hat nicht vielmehr Herr X. mit seiner Promotion und allem anderen bewiesen, wie viel Geist er hat?“

Herr Kah sagte: „Geist ist nicht Intelligenz. Herr X. hat lediglich bewiesen, dass er intelligent ist. Bei Herrn Q. weiß ich nicht einmal, wie intelligent er ist. Aber dass er Geist hat, sehe ich an seinen leuchtenden Augen. Es gibt zwei Arten vor Geist leuchtender Augen. Die erste findet man bei Menschen, die viel gelitten, ihr Leiden aber überwunden haben. Die zweite findet man bei Menschen, die sich ihre Kindlichkeit ohne Infantilität bewahrt haben. Das Leuchten dieser Augen ist das eines glücklichen Kindes, bloß im Gesicht eines Erwachsenen. Und solche Augen hat Herr Q. Und deswegen möchte ich mich gerne von ihm beraten lassen. Denn diese Form von Geist ist mir die wertvollste. Hätte indes Herr X. neben all seinen sicher überaus verdienten Qualifikationsnachweisen ebenfalls jene leuchtenden Augen, wollte ich mich gerne einmal auch von ihm beraten lassen.“

Nachdem Herr Kah so gesprochen hatte, entstanden in Deutschland zahllose Coaching-Agenturen, die Seminare anboten, in denen die Kunden lernen würden, ihre Augen geistig leuchten zu lassen. Eine pfiffige Geschäftsfrau sicherte sich die Rechte am Begriff ‚Augenschein-Training’. Und immer mehr Unternehmen begannen von ihren Bewerbern ‚geistig leuchtende’, wenigstens aber ‚leuchtende’ Augen zu verlangen.

Geldverbrennung

Eines schönen Sommertages spazierte Herr Kah durch den Tiergarten und bat jeden, dem er begegnete, ihm einen 10-Euro-Schein zu schenken.

Da Herr Kah berühmt war, fanden sich viele bereit, seinem Wunsche nachzukommen. So gelangte er rasch in den Besitz von 1.000 Euro.

Nun postierte Herr Kah sich an einer gut einsehbaren Stelle des Tiergartens und zündete das Geld an.

Sogleich rannten die Menschen herbei, fluchten und schüttelten die Fäuste. Aber das Geld verbrannte vor ihren Augen.

„Warum haben Sie das getan?“, fragte ein besonders empörter Mann.

„Ich bekämpfe die Inflation“, sagte Herr Kah. „Wenn Sie schon so freundlich sind, mir Geld zu schenken, möchte ich doch alles dafür tun, dass das Geld, welches Ihnen noch bleibt, möglichst viel wert ist.“

Keine Rede von Fußball

Ein junger Mann hatte Schwierigkeiten, Herrn Kahs Philosophie zu verstehen, was nicht weiter verwunderlich war, denn Herr Kah hatte ja überhaupt keine Philosophie.

„Sie wollen gar nicht gewinnen, oder?“, fragte der junge Mann.

„Nein“, sagte Herr Kah.

„Sie wollen verlieren?“

„Nein“, sagte Herr Kah. „Gewinnen ist viel zu anstrengend. Wenn man verliert, quält man sich aber auch nur. Gewinnen und Verlieren sind Energieverschwendung. Wenn Sie trotzdem unbedingt gewinnen wollen, sagen Sie sich doch, dass der Verzicht auf Sieg und Niederlage der eigentliche Sieg sei.“

„Einen Pokal gewinnt man damit nicht“, sagte der junge Mann.

„Ich rede auch nicht über Fußball“, sagte Herr Kah und legte sich zurück in die Hängematte.

Fenster

Herr Kah war zu einer Party eingeladen, die der ‚Bundesverband für das gehobene Divertissement der Eliten’ veranstaltete.

Dort tummelten sich erfolgreiche Politiker, erfolgreiche Künstler, erfolgreiche Intellektuelle und andere Menschen, die es zu viel Geld gebracht hatten.

Herr Kah beobachtete die Partygäste, unterhielt sich mit manchen, begann dann aber trotz der unleugbaren Distinguiertheit seiner Gesprächspartner, sich zu langweilen.

Er ging zu einem Fenster und blickte nach draußen.

Nach einer Weile trat ein Mann an seine Seite und fragte: „Was schauen Sie sich da an, Herr Kah?“

„Was sehen Sie denn?“

„Die Nacht, ein paar Sterne, Umrisse eines Baumes.“

„Ich sehe die Unendlichkeit“, sagte Herr Kah und öffnete das Fenster.

Dann ist es das

Herr Kah machte einmal Halt in einem Dorf, in dem vier Männer bei schlechter Gesundheit waren. Da Herr Kah auf dem Land ebenfalls großes Vertrauen genoss, gingen sie zu ihm und baten um Rat.

Den ersten Mann fragte Herr Kah: „Trinken Sie, spielen Sie oder gehen Sie fremd?“

Der Mann wurde rot und sagte: „Ja, ich trinke zu viel.“

„Dann ist es das“, sagte Herr Kah.

Den zweiten Mann fragte Herr Kah: „Trinken Sie, spielen Sie oder gehen Sie fremd?“

Der Mann druckste herum und sagte: „Ja, ich gehe fremd.“

„Dann ist es das“, sagte Herr Kah.

Den dritten Mann fragte Herr Kah: „Trinken Sie, spielen Sie oder gehen Sie fremd?“

Der Mann zupfte sich am Ohr und sagte: „Ja, ich bin ein Spieler“.

„Dann ist es das“, sagte Herr Kah.

Nun fragte Herr Kah auch den vierten Mann: „Trinken Sie, spielen Sie oder gehen Sie fremd?“

Der Mann streckte seine Brust heraus und sagte: „Ich trinke nicht, ich spiele nicht, und ich gehe nicht fremd.“

„Dann ist es das“, sagte Herr Kah.

Als Herr Kah das Dorf ein Jahr später wieder besuchte, erfreuten sich alle Bewohner bester Gesundheit.

Unterbrechung

Als Herr Kah einmal an einer Gesprächsrunde im Fernsehen teilnahm, unterbrach er den Moderator und fragte: „Haben Sie eigentlich verstanden, wovon ich spreche?“

Der Moderator sagte: „Ihre Muttersprache ist auch meine Muttersprache. Ich verstehe die Worte, die Sie benutzen, und die Sätze, die Sie formulieren.“

Herr Kah sagte: „Sie verstehen die Bedeutung. Und doch ist meine ganze Rede nur ein Symbol.“

„Symbol wofür?“, fragte der Moderator.

„Eben das kann man nicht sagen“, antwortete Herr Kah.

Danach widmete sich der Moderator seinen anderen Gästen und stellte Herrn Kah keine weiteren Fragen.

Kern der Weisheit

Der Herausgeber der ‚Zeitschrift für Weisheitsforschung’ hatte Herrn Kah um ein Gespräch gebeten.

„Herr Kah“, sagte er, „viele Menschen halten Sie für einen weisen Mann.“

„Da können Sie sehen, was die Leute alles glauben“, sagte Herr Kah.

Der Herausgeber lachte und sagte: „Das war sehr weise gesprochen. Aber mein Anliegen ist Folgendes: Würden Sie bitte in so wenig Worten wie möglich den Kern der Weisheit zusammenfassen?“

Nun lachte Herr Kah und antwortete: „Ich sag’s mit dem Zen-Buddhismus: ‚Zuerst sind die Berge Berge, und die Flüsse sind Flüsse; dann sind die Berge keine Berge, und die Flüsse sind keine Flüsse; schließlich sind Berge Berge und Flüsse Flüsse.’“

„Sie sind Buddhist?“, fragte der Herausgeber.

„Nein“, sagte Herr Kah, „ich bin Herr Kah.“